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Der unbekannte Schluck im Glas

Es gibt Weinbauregionen, die nur echten Experten wirklich vertraut sind. Dort befindliche Weingüter bisweilen aber nicht einmal ihnen. Doch diese mitunter eher Kleinen bringen oft Großes hervor. Ob in Frankreich, in Portugal, auf spanischem Festland oder auf der Insel Teneriffa.

Man kann dem Herbstnebel entfliehen. Auch dem Wintergrau kann man für den Moment ein Schnippchen schlagen. Man braucht nur den richtigen Wein einzuschenken. Einen „Trousseau de Messagelin“ aus dem Hause „des Cavarodes“ beispielsweise, Jahrgang 2014. Ein Rotwein aus dem französischen Jura, nur 11,5 Prozent Alkohol und im Idealfall auffallend gekühlt. Schließt man nun die Augen und lässt Zunge und Gaumen eins werden mit der knackigen Frucht und der malzigen Note, wähnt man sich im Nu auf einer Terrasse im sommerlichen Süden oder überhaupt gleich am Strand. Die Luft schmeckt nach Pinienwald und Meer, der Wein ist leicht, die Nacht könnte lang werden…

Ein leichter Roter findet den Weg in die Karaffe. Wenn man das jetzt nur hören könnte...

Ein leichter Roter findet den Weg in die Karaffe. Wenn man das jetzt nur hören könnte…

„Händisch ins Holzfass hineingerebelt“, sagt Steirereck-Sommelier René Antrag nach einem geradezu ehrfurchtsvollen Schluck. „Auf den ganzen Trauben vergoren, anschließend abgepresst und in großen, alten Holzfässern bis zur baldigen Abfüllung gereift. Ein großartiger Wein.“ Ein großartiger Wein aus dem französischen Jura also, einer Gegend zwischen dem Burgund und dem Grenzgebiet zur Schweiz, die stets ein wenig im Schatten der großen französischen Regionen stand und in Wahrheit immer noch steht. „Dabei gibt es dort so ungemein spannende Winzer“, schwärmt René Antrag.

Links der „Trousseau de Messagelin“, rechts der „Les Chalasses Marnes Bleues“.

Links der „Trousseau de Messagelin“, rechts der „Les Chalasses Marnes Bleues“.

Etienne Thiebaud beispielsweise, der 2007 gemeinsam mit seinem Vater in Port Lesnay das Weingut „des Cavarodes“ gründete und sich seither speziell für den erhalt der Jura-typischen Untersorten engagiert. Für Savagnin etwa, für Poulsard. Oder eben für Trousseau. Die bewirtschaftung läuft bei Thiebaud dabei, wie bei so vielen jungen Winzern, streng biologisch ab – seine Weine könnten einem Lehrbuch für Biodynamie entsprungen sein.

„Im Schatten der ,big player‘ wachsen sehr große Weine.“

Ebenfalls aus dem Jura kommt der im Abgang so mineralische Savagnin „Les Chalasses Marnes bleues“ von Jean Francois Ganevat, der René Antrag stets aufs Neue überzeugt. Der Winzer wie der Wein. Savagnin-Reben aus dem Jahr 1933, gewachsen auf grauem Mergel und ausgebaut als „Ouillé“, also – entgegen der im Jura früher gängigen Tradition des „Vin Jaune“ – nicht oxidativ.

„Wie ein Chardonnay nach burgundischem Vorbild“, erklärt René Antrag. Ganevat, einst Betriebsleiter der „Domaine Marc Morey“ in Chassagne-Montrachet, kehrte vor gut einem Jahrzehnt auf das elterliche Weingut im Jura zurück und hatte einen Plan. Eben den, Weißweine aus der Rebsorte Chardonnay zu gewinnen, die den besten aus dem Burgund in nichts nachstehen sollten. Und es ist ihm, womit kaum jemand gerechnet hatte, gelungen. „Aber dieser Wein ist keine Burgunder-Kopie“, sagt René Antrag. „Vielmehr hat er einen unverkennbar eigenständigen Terroircharakter. Eben jenen des Jura.“

Der Sommelier ist angetan, das Farbenspiel der Weine macht ihm große Freude.

„Wir bleiben vorerst in Frankreich“, sagt René Antrag, der auf dieser Rundreise durch die vermeintlich unbekannten Regionen insgesamt fünf Destinationen, neun Weingüter, fünf Rotweine und fünf Weißweine ausgewählt hat. Und so finden wir uns nun in Cheverny wieder. Die Appellation Cheverny ist Teil der Region Touraine, diese wiederum gehört zum Weinbaugebiet Loire. In Cheverny sind aktuell weniger als 500 der 2000 Hektar zugelassenen Reblandes bestockt, Teile davon von den Weingütern „Hervé Villemade“ und „Thierry Puzelat“.

„Auch diese Region fristet ein wenig ein Schattendasein angesichts der vielen ,Big Player‘ ringsum. Doch auch im Schatten wachsen großartige Weine“, sagt der kundige Sommelier und greift zu einem Weißwein von Thierry Puzelat, der gemeinsam mit seinem Bruder Jean-Marie rund zwölf Hektar bewirtschaftet. „Eine ganz präzise gemachte Cuvée aus Sauvignon Blanc und Chardonnay. 12,5 Prozent Alkohol, leicht pflanzlich, erdig und mit kerniger Säure“, beschreibt René Antrag den 2014er-Jahrgang.

Links der „Frileuse“, von Thierry Puzelat, rechts die rote Cuvée „Les Ardilles“.

Thierry und Jean-Marie haben sich, nachdem sie das gut vom Vater übernommen hatten, der Herstellung von möglichst lebendigen Weinen verschrieben. Wobei sie einerseits auf viele, teils seltene Rebsorten wie Menu Pineau, Pineau d’Aunis und Sauvignon Rosé zurückgreifen können, es andererseits mit einer großen genetischen Vielfalt zu tun haben, denn der Vater hatte seinerzeit damit begonnen, qualitativ herausragende Reben zu selektionieren und zu vermehren.

Ebenfalls von seinem Vater hat Hervé Villemade das 25 Hektar große und nach der Familie benannte Weingut übernommen, das am linken Ufer des Beuvron liegt. „Les Ardilles“ heißt die rote Cuvée aus Pinot Noir und Gamay, die durch ihr griffiges, nie aber lautes Tannin besticht. „Ein sehr leichtfüßiger Wein“, befindet René Antrag und macht sich in diesem Zusammenhang für ein gewisses Umdenken im Zusammenhang mit Weintrinken stark. „Es gibt sehr viele Weißweine, die man durchaus temperiert trinken könnte und meiner Meinung nach auch sollte. Genauso, wie manche Rotweine etwas gekühlt besser zur Geltung und besser zur Entfaltung kommen. Der ,Les Ardilles‘ beispielsweise zählt zu dieser Art von Rotwein.“

Der „Frileuse“ wird dekantiert. Luftzufuhr für eine erdige Cuvée.

Es geht über die grenze nach Spanien. Nach Madrid. Genauer gesagt in den Westen von Madrid. Zwischen einer halben und einer ganzen Autostunde von der Hauptstadt entfernt. Dort haben sich etliche Winzer der jüngeren Generation, Winzer zum Teil im Alter von Ende 20 oder Anfang 30, zusammengetan und sind dabei, in Sachen Rotwein neue, respektive andere und für die Region nicht ganz so typische Wege zu beschreiten. Ihnen geht es darum, keine allzu üppigen, keine allzu hochkonzentrierten Weine zu produzieren. Und sie haben sich einer Traube namens Garnacha verschrieben, einer Rebsorte, dürreresistent und äußerst produktiv, die dennoch viel zu lange quasi in Vergessenheit geraten war und sich erst seit ein paar Jahren wieder den verdienten Respekt verschafft.

„Verspielt, lebendig und trotzdem viel Stoff – Rotwein von Comando G. G wie Garnacha, eine fast vergessene Traube.“

„Comando G“, wobei das G für Garnacha steht, nennt sich eine Winzervereinigung, die mit dem „Las umbrías“ eine Garnacha vom Feinsten in die Flasche füllt. Hinter diesem Projekt stehen die drei Önologen Fernando Garcia, Daniel G. Jiménez Landi und Marc Isart. Jeder der drei arbeitet auf renommierten Bodegas, doch ihre Liebe zu dieser Rebsorte ließ sie parallel dazu im Jahr 2010 „Comando G“ ins Leben rufen.

Links der „Las Umbrias“ von Comando G., rechts der weiße „Cantocuerdas“.

René Antrag präsentiert den 2013er-„Las Umbrías“. Von der Farbe her erinnert der auf sehr steinigem Untergrund gewachsene Wein an einen Pinot Noir, ähnlich transparent in der Farbe, wie man es von vielen spanischen Rotweinen gewöhnt ist. „Ein verspielter Wein, ein lebendiger Wein und trotzdem sehr viel Stoff“, lautet das Urteil des Experten. „Die Rebsorte steht im Vordergrund.“ Etwas opulenter präsentiert sich der Weißwein aus der Region um Madrid, der uns auf dieser Reise begleitet. Albillo heißt die Traube, „Bernabeleva“ das Weingut, „Cantocuerdas“ der Wein.

Die Rebsorte selbst gilt als ungemein anspruchsvoll, die Bestände gehen daher auch stetig zurück. Auch muss der Winzer den idealen Zeitpunkt der Lese erwischen und im Keller Zeit und Muße aufbringen, nur dann ist Erfolg garantiert. „Dann aber hat man einen Weißwein aus dem großen Holzfass, der unbedingt ein wenig atmen sollte, ehe man ihn trinkt. Einen Weißwein, der in der Nase an Mandeln und an Akazienhonig erinnert, und die reifen gelben Früchte und Gewürznoten mit großer Fülle lassen die südländische Herkunft nicht verleugnen“, so der Sommelier.

Fernab des spanischen Festlandes treffen wir im sonnigen Teneriffa auf das Weingut „Táganan“, quasi eine Teilorganisation der „Bodega Envinate“. und stoßen dort auf einen Rotwein mit Namen „Margaelagua“ sowie auf einen Weißwein namens „Amogoje“. „Beides Cuvées“, erklärt René Antrag. Der Weiße gekeltert aus zahlreichen Sorten wie Listán blanco, Gual, Marmajuelo und noch einigen mehr, der Rote aus Listán negro, Listán prieto, Baboso und ebenso einigen anderen. „Ausnahmslos heimische Rebsorten von der Insel“, erzählt René Antrag und weiß von äußerst schwierigen und teilweise sehr gefährlichen Arbeitsverhältnissen für die Winzer zu berichten. „Mitunter brauchen sie eine Bergsteigerausrüstung, wenn sie im Weingarten am Werk sind. Die Hänge liegen bis zu 200 Meter über dem Atlantik, sind extrem steil, karg und glatt, die Gefahr des Abrutschens ist also extrem groß.“

Zudem handelt es sich bei den Weingärten um keine klassischen Weingärten. Insofern nicht, als der Wein wild am Boden wächst und nicht in die Höhe gezogen wird. Das wäre ob der Gegebenheiten nahezu unmöglich. Buscherziehung heißt diese Form des Anbaus. Die Reben, derer sich das Weingut „Táganan“ bedient, sind über 100 Jahre alt. Und die Weine bisweilen sehr eigenwillig, Weine mit starkem Charakter. Wobei der rote „Margaelagua“ im Vergleich zum weißen „Amogoje“ durchaus als gemäßigt bezeichnet werden kann. Er ist nicht üppig, vielmehr ist er saftig, klar und kommt mit seinen rund zwölf Prozent Alkohol regelrecht leichtfüßig daher. Das Tannin erschlägt einen nicht, es animiert. Der „Amogoje“ hingegen, ausgebaut nur im großen Holzfass, ist ein gewaltiger Wein. René Antrag: „Rauchig, fleischig, engmaschig am Gaumen. Ein exzellenter Speisenbegleiter.“

„Bussaco Branco“ – ein Wein, der noch vor wenigen Jahren nur Hotelgästen vorbehalten war.

Zurück übers Meer nach Portugal und zu allererst in ein Hotel. Ins „Bussaco Palace Hotel“ rund 100 Kilometer südlich von Porto und oberhalb des Kurortes Luso, das 1887 von König Carlos ursprünglich als Sommerpalast errichtet wurde. Seit 1917 aber ist es ein Luxushotel und seit 1920 im Besitz der Familie Almeda. Und obendrein ist das Hotel ein Weingut. Ein Weingut, das an zwei Regionen grenzt, an Bairrada in der Nähe zum Atlantik und an Dao in den Bergen. „Der Weißwein, den ich hier habe, der ,Bussaco Branco‘, ist sozusagen eine Cuvée aus zwei Regionen und besteht aus den Rebsorten Maria Gomez, Bical und Encruzado. Ausgebaut in großen Fässern aus Kastanien- und Eichenholz und enorm lagerfähig“, so René Antrag, der den Wein „malzig“ nennt und „whiskyartige Aromen“ ortet.

„In den Kellern des Bussaco Palace lagern Weine zurück bis 1920. Seit 2011 kann man sie auch kaufen.“

Früher noch waren die Weine übrigens ausschließlich den Hotelgästen vorbehalten. 2011 jedoch haben die Besitzer den Markt erstmals ein wenig geöffnet. Vielleicht auch deshalb, weil die Weine, wenngleich alles andere als in rauen Mengen produziert, für Gäste allein doch ein klein wenig zu viel wurden… In den Kellern jedenfalls lagern immer noch edle Tropfen zurück bis ins Jahr 1920.

Der „Lote Especial Reserva 2011“ – ein Wein, der nicht zuletzt von der Nähe zum Atlantik beeinflusst wird.

Ebenfalls 1920 und von den Brüdern José, Manuel und Alberto Costa wurde das letzte Weingut dieser Reise gegründet, das Weingut „Caves Sao Joao“. Dieses befindet sich im gegensatz zum „Bussaco Palace Hotel“ ausschließlich in der Region Bairrada. Als die Familie Costa 1972 zusätzlich zum bestehenden auch noch das Weingut „Quinta do Poco do Lobo“ erstand, legte sie den Grundstein für das heutige Renommee. „Die Nähe zum Atlantik, die vielen Sonnenstunden, der karge Boden – all das bietet die Grundlage für die erstklassigen Weine aus diesem Haus“, sagt René Antrag und öffnet die letzte Flasche, einen herrlich dunklen Rotwein, einen „Lote especial Reserva 2011“.

„Manche Weine von ,Caves Sao Joao‘ lagern allerdings auch bis zu zehn Jahren in den Fässern und werden erst abgefüllt, wenn alle Verantwortlichen davon überzeugt sind, dass der Wein den perfekten Reifegrad erreicht hat.“ Dass das auch schneller gehen kann, beweist der „Lote especial 2011“. und was diese Reise beweist: Die Welt des Weines ist eine weite Welt. Eine verwinkelte und eine weit verzweigte, auf der es immer wieder Neues und Unbekanntes zu entdecken gibt. Und sei es noch so alt.

TEXT: ACHIM SCHNEYDER
FOTOS: PHILIPP HORAK

Erschienen in der Ausgabe 04 des S-Magazines

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